6. Sonntag der Osterzeit – 26. Mai 2019

Predigt in der Alt-Katholischen Gemeinde Essen

Apg. 15,1-2. 22-29
Offb. 21,10-14. 22-23
Joh. 14,23-29

 

„Wenn jemand mich liebt, wird er mein Wort halten; mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und bei ihm Wohnung nehmen.“

Ein paar Verse früher, am Anfang dieses vierzehnten Kapitels im Johannesevangelium hören wir: „Im Haus meines Vaters gibt es viele Wohnungen. … Wenn ich gegangen bin und einen Platz für euch vorbereitet habe, komme ich wieder und werde euch zu mir holen, damit auch ihr dort seid, wo ich bin.“  Bei dieser Stelle geht es darum, dass Jesus. dass der Vater, bei uns wohnen.  Der genauer Ort dieses Miteinander seins scheint also nicht im Mittelpunktzustehen, es geht darum, dass der Gläubige, die Gläubige bei Jesus, beim Vater zu Hause ist, dass aber gleichzeitig Jesus, der Vater bei der Gläubigen, beim Gläubigen zu Hause ist. Das passiert durch den Heiligen Geist, der ebenfalls in diesem Kapitel von Jesus angekündigt wird: „ich werde den Vater bitten und er wird euch einen anderen Beistand geben, der für immer bei euch bleiben soll, den Geist der Wahrheit, … [der] bei euch bleibt und in euch sein wird.“

Im liturgischen Kalender bereitet in dieser Zeit Jesus die Jüngern und Jüngerinnen darauf vor, dass er, der Gestorbene, der nun Auferstandener ist, sich jetzt wieder verabschieden wird. Aber genauso wenig, wie sein Tod das Ende war, bedeutet auch nicht dieser Abschied, den wir bei Himmelfahrt feiern werden, dass wir alleine gelassen werden.  Gott – Vater, Sohn und Heiliger Geist – bleibt doch bei uns, leistet uns Beistand, wohnt uns bei.  Wir sind nicht alleine.

Die Lutherische Theologin Karyn Wiseman findet, dass diese Botschaft für unsere Gesellschaft eine sehr wichtige ist:

Wir leben in einer Welt, in der die Menschen technologisch verbundener sind als je zuvor, in der aber viele scheinen immer noch sehr einsam zu sein. Sie sind physikalisch isoliert. Sie werden vielleicht durch  transdimensionale Verbindungsarten verbunden. Aber viele werden auf diesen elektronischen Wegen nicht aus der Isolation gezogen. Sich alleine zu fühlen, kann zutiefst verunsichernd wirken. Das fürchten die Jünger wahrscheinlich am meisten: die Isolation von ihrem Lehrer und Freund. …  Aber die Verheißungen Jesu bedeuten, dass sie nicht allein sein werden.[1]

Jesus verbindet diese Gegenwartsverheißung mit dem Frieden: „Frieden hinterlasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch; nicht, wie die Welt ihn gibt, gebe ich ihn euch. Euer Herz beunruhige sich nicht und verzage nicht.“  Der Friede, der hier beschrieben wird, verbinde ich mit dem Frieden Gottes, „der alles Verstehen übersteigt,“ und unsere Herzen und unsere Gedanken in Christus Jesus bewahrt, wie Paulus es im Philipperbrief (4,7) ausdrückt. Auch hier wird deutlich, dass es darum geht, dass wir nie alleine gelassen werden.  Wir können uns darauf verlassen, dass wir bei Jesus, dass wir von Gott bewahrt (vielleicht aufbewahrt) werden.

Mary Hinkle Shore, Neutestamentlerin, sieht diese Verheißung als Ausdruck der Zuneigung Gottes zu den Menschen und zu unserer Welt:

Aus dem ersten Kapitel dieses Evangeliums wissen wir, dass, bevor überhaupt ein Mensch Jesus liebte, „das Wort ist Fleisch geworden und hat unter uns gewohnt” (Johannes 1,14). Kein Mensch konnte Jesus lieben können, wenn der Vater die Welt nicht zuerst so geliebt hätte, dass er seinen Sohn hinein in die Welt schickte. Das Zusammenleben, von dem Jesus spricht, ist keine Belohnung für gutes Benehmen. Es ist einfach eine Aussage darüber, wo Gott gerne Zeit verbringt. Diese Verheißung geht zurück auf das erste Kapitel des Johannesevangeliums, aber sie deutet auch hin auf die in der Offenbarung vorgesehene Realität: „Seht, die Wohnung Gottes unter den Menschen! Er wird in ihrer Mitte wohnen und sie werden sein Volk sein; und er, Gott, wird bei ihnen sein“ (Offenbarung 21,3).[2]

Gott wohnt unter uns.  Wenn wir einmal hinschauen, sehen wir, dass diese Überzeugung immer wieder zur Sprache kommt.  Wir sind nie alleine.

Gerade diese Anwesenheit Gottes, diese Gegenwart Gottes können wir (oder sollen wir) in unserm kirchlichen Leben wahrnehmen, uns dadurch immer wieder absichern.  Vor ein paar Jahren gab es eine heiße Diskussion darüber, ob Gott noch Mitglied der Kirche sei, in diesem Falle der evangelischen. Als Reaktion schrieb Heiko Kuschel, Pfarrer in Schweinfurt:

Ich sehe, was alles im Stillen geschieht. Ich erlebe Gespräche nach dem Gottesdienst. Ich erlebe intensive Gebete in kleinen Runden. Tröstende Gespräche am Krankenbett. Ich erlebe, wie erwachsene Menschen sich auf den Weg zur Taufe machen. Wie sie nach Glaubensdingen fragen, wie wir gemeinsam nach neuen Worten für das suchen, was wir glauben, weil die alten Worte für uns alle nur noch leere Hüllen sind, Phrasen.[3]

Durch das Miteinander merken auch wir, dass Gott bei uns ist.

Auch die Liturgie will die Anwesenheit Gottes in und bei uns verwirklichen. In der alten englischen Liturgie aus dem 16. Jahrhundert wird der Empfang der Eucharistie so beschrieben: „dann wohnen wir in Christus und Christus in uns, dann sind wir eins mit Christus und Christus mit uns.“[4]   Durch die Eucharistie werden wir immer wieder daran erinnert, dass Gott, dass Christus, dass der Heilige Geist in uns wohnt und wir in ihm.

Wichtig ist, wie Paulus im 1. Korintherbrief (6,19) betont, dass dieses Miteinander sein zwischen Gott und Mensch nicht ausschließlich geistig bzw. seelisch zu verstehen ist, sondern durchaus mit unserer körperlichen, leiblichen Existenz zu tun hat:  „wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt? Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!“ Es geht also nicht um eine körperfeindliche Askese, sondern darum, dass Gott bei uns im Leib und in der Seele wohnt.  Wenn wir es merken. Wenn wir ihn wahrnehmen.

Spüren wir diese Anwesenheit Gottes?  Der deutsche Mystiker Meister Eckhardt soll geschrieben haben, „Gott ist immer bei uns, nur wir sind so selten zu Hause.“  Genauer:

Gott ist allzeit bereit, aber wir sind sehr unbereit; Gott ist uns nahe, aber wir sind ihm ferne; Gott ist drinnen, aber wir sind draussen; Gott ist zu Hause, wir sind in der Fremde.[5]

Gott will dass wir zu ihm bei uns nach Hause kehren. Gott will, dass wir erkennen, dass wir ihm dort begegnen, wie er schon bei uns wohnt.

 

[1]   Vgl. https://www.workingpreacher.org/preaching.aspx?commentary_id=1622.

[2]   Vgl. https://www.workingpreacher.org/preaching.aspx?commentary_id=591.

[3]   Vgl. https://www.evangelisch.de/personen/heiko-kuschel.

[4]   Book of Common Prayer 1662, Third Exhortation.

[5]  Siehe: http://www.zeno.org/Philosophie/M/Meister+Eckhart/Predigten,+Traktate,+Spr%C3%BCche/Predigten/15.+Von+der+Erkenntnis+Gottes.

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Sonntag der Osterzeit – 5. Mai 2019 (Sonntag vom Guten Hirten)

Predigt in der Alt-Katholischen Gemeinde Essen

Jeremia 17, 5-8
1 Kor 15, 12. 16-20
Lukas 6, 17. 20-26

Ich gebe zu, dass ich mit dem Bild von Jesus als der gute Hirt meine Probleme habe. Ich habe vielleicht zu oft den guten Hirten vor Augen, wie er in vielen kitschigen englischen Kirchenfenstern im 19. Jh. dargestellt wurde. Der blonde, blauäugige Christus, der ein Lamm in seinen Armen trägt, das wie ein frischegewaschenes Kuscheltier aus dem Kinderzimmer aussieht. Ich bin mir nie ganz sicher, was ich mit diesem Bild anfangen soll.

Dazu kommt, dass ich mit echten Schafen und Lämmern quasi großgeworden bin, da meine Mutter lange Jahre eine Schafherde hatte. Deswegen weiß ich, dass echte Schafe ein bisschen anders aussehen und sich auch ganz anders verhalten, als die süß abgebildeten Lämmer im Kirchenfenster. Als Kind lernte ich nämlich einiges über Schafe:

  • wenn man will, dass sie irgendwo hingehen, wollen sie nicht.
  • wenn man will, dass sie auf der Wiese hinter einer Hecke bleiben, finden sie ein immer Loch.
  • wenn eine Schafherde die Wahl hat zwischen einem ruhigen, sicheren Weg ohne Verkehr und einer Hauptverkehrs-straße mit möglichst vielen schnellen Autos und schweren LKWs, wählt es die Schnellstraße. Immer.

Ich weiß nicht wie oft ich als Kind versucht habe, eine Schaf­herde in die sichere Richtung zu dirigieren, um zusehen zu müssen, wie die Schafe den gefährlichen Weg gewählt haben.

Es wurde bei uns etwas ruhiger, als meine Mutter einen Schäferhund bekam. Und seit ich nicht mehr in Derbyshire wohne, sondern in der Großstadt, habe ich wesentlich weniger mit Schafen zu tun. Aber meine Erinnerungen sind lebendig und mein Bild von Schafen hat nichts mit Kirchenfenstern zu tun.

Aber denkt man darüber nach, deuten meine Erfahrungen mit den Schafen doch auf etwas Wichtiges hin. Wenn wir ehrlich sind, wie reagieren wir auf Christus?

Wenn er uns auf grünen Auen lagern und uns zum Ruheplatz am Wasser führen will, gehen wir mit?  Oder bleiben wir dort, wo wir sind? Wenn er uns auf einen sicheren Platz bringen will, bleiben wir dort? Oder suchen wir einen Ausweg, ein Loch im Zaun? Wenn er uns die Wahl zwischen dem Weg zum Heil und dem Weg zur Verdamnis bietet, welchen wählen wir?

Dies sind Fragen, die wir selber beantworten müssen. Wie reagieren wir auf den Hirten Jesus?  Wenn ich mir die Welt anschaue, wenn ich die Nachrichten höre, finde ich, dass dieses Bild von der Welt als Schafherde gar nicht so verkehrt ist. Wie die Schafherde meiner Mutter wählen auch wir Menschen oft die Schnellstraße, die Autobahn statt des sicheren Weges. Die (nicht-)Diskussion um den Klimawandel – besser gesagt um die Klimakatastrophe ist ein gutes Beispiel dafür.  Oder auch die verheerende Statistik bezüglich der vielen Menschen, die weder genug zu essen noch sauberes Trinkwasser haben. „Weide meine Schafe,“ sagt Jesus dem Petrus. Im Alten und im Neuen Testament geht es immer wieder darum, dass die Hungrigen zu essen haben, die Durstigen zu trinken. Wie können wir die Schafe dieser Welt weiden?

Denn es geht meines Erachtens nicht nur darum, dass Jesus unser Hirte ist, sondern auch darum, dass auch wir manchmal die Rolle des guten Hirts innehaben. Das auch wir schauen müssen, wo die Schafherde der Menschheit gerade hinläuft. Es gibt so viel Unerträgliches in unserer Welt. Es kann wirklich verlockend sein, sich abzuwenden, die Augen vor dem zu schließen, was man nicht sehen will. Aber wenn wir das tun, was tun wir dann eigentlich? Sind wir nicht vielleicht wie Schafe, die sich dem schmalen Weg der Erlösung widersetzen und stattdessen in die andere Richtung rennen? Eine solche Reaktion ist sicherlich verständlich, sicherlich verlockend, aber sicherlich auch sündig. Das ist Sünde: eine Neigung, sich vom Weg der Erlösung abzuwenden. Das ist Sünde: die Augen für die Bedürfnisse der Hungrigen zu schließen. Das ist Sünde, den Geist mit Kleinigkeiten zu beschäftigen, ohne Platz für das Wesentliche zu schaffen: Gerechtigkeit, Frieden. Es ist Sünde, die uns davon überzeugt, dass der Weg zur Erlösung zu gefährlich und zu schwierig ist, Sünde, die uns auf die falsche Straße, die breite Straße, den Weg zur Verdammnis und zur Katastrophe führt.

Deshalb ist unsere einzige Hoffnung doch der Christus, der gute und schöne Hirte. Unsere einzige Hoffnung ist, dass Christus, unser Hirte, über ein Feld rennt, um uns abzufangen, um uns in den Weg zu stellen und zu verhindern, dass unsere menschliche Herde von den Molochen des Verderbens überfahren wird.

Und weil er der gute Hirte ist und weil er uns auf den richtigen Weg bringen will, ist er doch bei uns. Er steht da, versucht uns vor der Gefahr abzuwenden. Er ist da, und es liegt an uns: Lassen wir uns wenden?

Weil Christus der gute Hirte ist, bleibt er bei uns, egal was wir tun und egal welche Richtung wir wählen. Wenn wir ihm erlauben, wird er uns in Sicherheit bringen. Er wird uns aus dem finsteren Tal des Todes retten und uns zu grünen Auen und stillen Wassern führen. Wenn wir aufgeschmissen oder unsicher sind, wird er uns finden und uns retten, und uns nach Hause führen. Wenn wir ihn lassen, wird er unser Hirte sein.

Und wenn wir uns von der Straße zur Katastrophe nicht abbringen lassen? Dann wird er auch dort bei uns sein, wird mit uns das Gemetzel durchstehen, wird unsere Wunden binden, wird das gebrochene Herz trösten, wird – wieder – mit uns gekreuzigt.

Denn die Verantwortung des Hirten liegt bei seinen Schafen. Auch wenn sie dumm sind; auch wenn sie störrisch sind, auf die eigene Zerstörung fixiert. Denn Christus ist der gute Hirte.

Jesus Christus, du großer Hirte deiner Schafe,
Führe uns auf Pfaden der Ruhe,
auf Straßen der Gerechtigkeit,
auf Wege der Bereitschaft.
Führe uns, Herr, auf Spuren der Rücksicht
durch Gassen der Liebe
auf der Reise der Freude.[1]

 

[1]   David Adam, Tides and Seasons, S. 52 (adapted).

Ostersonntag – 21. April 2019

Predigt in der Alt-Katholischen Gemeinden Essen und (am Ostermontag) Bottrop

Römerbrief 6, 3-11
Lukas 24, 1-12

Frauen waren es, die als erste die Osterbotschaft
Verkündeten – die unglaubliche!
Frauen waren es, die zu den Jüngern eilten,
die atemlos und verstört die größte aller Nachrichten
weitersagten:
Er lebt!
Stellt euch vor, die Frauen hätten
in den Kirchen Schweigen bewahrt![1]

So schreibt Märta Wihelmsson in einer Meditation zu Ostersonntag. „Vorbotinnen“ nennt sie diese Meditation.  Diese Botinnen waren es, die diese erstaunliche Nachricht über das leere Grab, den auferstandenen Christus an die Jünger bringen. Apostola apostolorum wird Maria von Magdala manchmal in der alten Kirche schon genannt, die Apostolin für die Aposteln, die Botin für die Boten.

Bei Lukas wird nicht nur Mria von Magdala genannt, sondern auch Johanna und Maria, die Mutter des Jakobus, und es wird erzählt, dass andere Frauen auch dabei waren.  Es waren Jüngerinnen, die Jesus lange gefolgt, mit ihm in Galiläa mit unterwegs waren; es waren seine Freundinnen, die ihn sehr geliebt haben.  Sie wollten Jesu Leichnam aufbereiten, mit wohlriechenden Salben einreiben, sie wollten ihren letzten Abschied nehmen. Aber siehe, sein Leichnam war gar nicht mehr da, im Grab, wo sie ihn hingelegt hatten.

Sattdessen begegneten den Frauen zwei Männer, die Seltsames zu sagen hatte: „Was sucht ihr den Lebenden bei den Toten?  Er ist nicht hier, sondern er ist auferstanden.“

Ich denke immer, die Frauen müssen völlig verunsichert gewesen sein, sie müssen das Gefühl gehabt haben, jemand versuche über sie herzuziehen. Mitten in Trauer, mit einer so unlustigen Witzelei konfrontiert zu sein, muss einfach schrecklich gewesen sein. Sie können zunächst nicht glauben, was die zwei Männer ihnen erzählen. Und man kann es sehr gut verstehen: denn Auferstehung vom Tod, wie sollte das glaubwürdig klingen?

Aber irgendwann glauben sie es doch.    Auch wenn sie in dieser Version der Auferstehungsgeschichte Jesus gar nicht begegnen, glauben sie den Männern.  Sie erinnern sich daran, dass Jesus ihnen schon vor seinem Tod erzählt hatte, „der Menschensohn muss in die Hände sündiger Menschen ausgeliefert und gekreuzigt werden und am dritten Tag auferstehen.“  Sie begreifen, dass etwas völlig Unglaubliches doch passiert ist.  Und sie kehren zu den Jüngern zurück, um ihnen davon zu erzählen, um mit ihnen diese gute Nachricht, dieses Evangelium, zu teilen.

Und jetzt geht alles wieder von vorne los.  Denn nun glauben die Jünger den Frauen, den Jüngerinnen nicht. „Die Apostel hielten diese Reden für Geschwätz,“ schreibt Lukas. Frauengeschwätz, unzuverlässig.  Zu dieser Zeit dürfen Frauen gar nicht als Zeuginnen vor Gericht aussagen, weil sie für unfähig gehalten wurden.  Die Frauen wollten den zwei Männern zunächst nicht glauben.  Sie wurden aber überzeugt. Nun wollen die Jünger, die Apostel den Frauen nicht glauben.  Nur Petrus entscheidet sich, zum Grab zu gehen, um nachzuschauen, was passiert ist.  Und dann kommt auch er erstaunt zurück, „voll Verwunderung über das, was geschehen war“.

Und so geht es auch weiter. Thomas glaubt nicht, und dann aber doch. Die Jünger auf dem Weg nach Emmäus erkennen Jesus zunächst nicht. Und dann doch. Die Jünger am Strand wissen zunächst nicht, wer ihnen begegnet, und erkennen ihn dann doch.  Paulus glaubt überhaupt nicht, er wird zum Feind und Verfolger der Christen, bis er dem Auferstandenen begegnet.  „Stellt euch vor, die Frauen hätten in den Kirchen Schweigen bewahrt!“ schreibt Wihelmsson.  Und das stimmt.  Aber stellt euch vor, die Menschen würden in den Kirchen – und, noch wichtiger, in der Welt – Schweigen bewahren. Wer konnte dann überhaupt glauben?

Es geht darum, die Enormität dieser guten Nachricht immer wieder anderen mitzuteilen.  Michael E. Connors spricht von der welterschütternden Natur des Evangeliums vom auferstandenen Christus.  Ich habe am Karfreitag eine Stelle aus einer orthodoxen Liturgie zitiert: „Ein furchterregendes und unbegreifliches Mysterium vollzieht sich heute und wird sichtbar.“  Die Kreuzigung bezeugt, dass die Welt zerbrochen ist, dass die göttliche Ordnung durcheinandergekommen ist. Am Ostersonntag feiern wir das Wiederinstandsetzung der Welt, der Schöpfung:

In dieser Nacht begann die Schöpfung ihren langen Weg zurück, ihren Weg zurück zur Einheit und Ganzheit, die in unserer ersten Genesislesung beschrieben wurde.  Die Heilung unserer gebrochenen Welt beginnt, die Welt wird durch Christi Sieg über den Tod wiederhergestellt.[2]

Heute vollzieht sich ein freude-erregendes und unbegreifliches Mysterium und wird sichtbar.  Das, was tot war, wird leben.  Das, was zerstört war, wird wieder Heil.

So unsere Hoffnung und unsere Überzeugung. Manchmal sieht unsere Welt gar nicht danach aus, als ob sie auf dem Weg zum Heil wäre. Diese Hoffnungszeichen sind manchmal klein, aber es gibt sie, und sie sind lebensstiftend, sie bedeuten Transformation, Umwandlung.

In einer Osterpredigt bekennt Connors:

Ich glaube, dass Christus auferstanden ist, weil ich Vergebung erlebt habe. Ich glaube, dass Christus von den Toten auferstanden ist, weil es Paare gibt, deren Ehen nicht nur legal existieren, sondern sie durch das Geheimnis des anderen in das Geheimnis Gottes führen.

Ich glaube, dass Christus auferstanden ist, weil es Alkoholiker und Drogenabhängige gibt, die wieder gesund werden, Männer und Frauen, die in Gott eine geistige Kraft entdecken, die stark genug ist, um sie aus dem lebendigen Tod ihrer Krankheit zum neuen Leben in Nüchternheit und gesunden Beziehungen zu bringen.

Ich glaube, dass Christus auferstanden ist, weil verwundeten Menschen anderen Heil bringen, weil aus Verzweiflung Hoffnung entstehen kann, weil es immer wieder zu Neubeginn kommt.

Ich glaube, dass Christus auferstanden ist, weil ein Freund zu mir sagte: „Mike, ich liebe dich hier und jetzt“: hier und jetzt, in meinem Versagen, in meiner Schwäche, in meinem Misstrauen anderen gegenüber.

Ich glaube, dass Christus auferstanden ist, weil ich in meinen trostlosesten Stunden ein Flackern der Hoffnung spüre.[3]

Was würden wir erzählen?  Warum glauben wir an der Auferstehung?  Was – oder auch wer – hat uns zu diesem Glauben gebracht?

Wichtig ist, dass wir nicht nur glauben, sondern darüber sprechen. Den Glauben mit anderen teilen.  Egal wie skeptisch sie sind.

Denn wir müssen auch einander immer wieder von der Auferstehung erzählen, einander immer wieder daran erinnern, dass auch wir unsere Auferstehungsgeschichten haben, immer wieder danach fragen, wie Andere Auferstehung erleben, die Auferstehung uns in dieser Welt begegnet.  Dann merken auch wir, dass wir teilhaben an der Auferstehung Jesu.

Daran erinnert Dorothee Sölle in einem Gedicht „Über Auferstehung“:

Sie fragen mich nach der auferstehung –
Sicher, sicher, gehört hab ich davon,
dass ein mensch dem tod nicht mehr entgegenrast,

dass der tod hinter einem sein kann, weil vor einem die liebe ist,

dass die angst hinter einem sein kann,
die angst verlassen zu bleiben,
weil man selber – gehört hab ich davon –
so ganz wird, dass nichts da ist,
das fortgehen könnte für immer.

Ach fragt nicht nach der auferstehung:
ein märchen aus uralten zeiten,
das kommt dir schnell aus dem sinn.

ich höre denen zu, die mich austrocknen und klein machen.
ich richte mich ein
auf die langsame gewöhnung ans totsein
in der geheizten wohnung
den großen stein vor der tür

Ach frag du mich nach der auferstehung.

Ach hör nicht auf mich zu fragen.[4]

 

[1]  Märta Wihelmsson, „Vorbotinnen,“ aus: Wer Wälzt uns den Stein?

(München 1992), zit. nach https://www.oekumene-ack.de/fileadmin/user_upload/Ostern/Ostern_Fest_der_Freiheit.docx.

[2]   Michael E. Connors, Preaching for Discipleship: Preparing Homilies for Christian Initiation (, S. 131.

[3]  Ibid. 132-133.

[4] Aus Fliegen lernen (Wolfgang Fietkau Verlag, Berlin 1979), zit. nach: https://www.oekumene-ack.de/fileadmin/user_upload/Ostern/Ostern_Fest_der_Freiheit.docx

Karfreitag – 19. April 2019

Predigt in der Alt-Katholischen Gemeinde Essen

 

Ein Furcht erregendes und unbegreifliches Mysterium
vollzieht sich heute und wird sichtbar:
Heute wird ans Kreuz gehängt, der die Erde in die Wasser gehängt hat.
Ein Dornenkranz wird dem aufgelegt, der den Himmel mit Wolken umhüllt.
Ein unechtes Königsgewand wird dem angelegt, der den Himmel in Wolken umhüllt.
Der Unnahbare wird gefangen gehalten,
gefangen wird der, der Adam aus dem Fluch befreit hat.
Zu Unrecht wird der verhört, der Herz und Seele prüft.
Im Gefängnis wird gefangen gehalten, der die Abgründe verschlossen hat.
Vor Pilatus steht der, vor dem zitternd die Mächte des Himmels stehen.
Geschlagen wird der Schöpfer durch die Hand des Geschöpfs.
Zum Holzkreuz wird verurteilt der, der über Lebende und Tote urteilt.
Im Grabe wird eingeschlossen der, der den Hades abgesetzt hat.
Ein Furcht erregendes und unbegreifliches Mysterium
vollzieht sich heute und wird sichtbar.[1]

Dieser Auszug aus der Karfreitagsliturgie einer Orthodoxen Kirche erinnert uns daran, dass wir heute vor dem gekreuzigten Gott stehen.  Gott, der Allmächtige, der Schöpfer des Himmels und der Erde, sein Sohn, durch den alles geschaffen wurde, hängt nun am Kreuz. Der, der ohne Sünde war, der für uns in die Welt gekommen ist, hängt nun stellvertretend für uns dort. Leidet. Stirbt. Dieser Tod bringt die Welt durcheinander. Dieser Tod sollte, dürfte nicht sein. Diesen Tod gibt es aber.

Dies ist ein Moment des Schreckens, ein Moment des Verlassen seins, ein Moment der Einsamkeit. Ein Moment, in dem die Überzeugung, „Das darf nicht wahr sein,“ doch Wirklichkeit, Wahrheit wird.  „Jesus wird heimgesucht vom Chaos, vom Schmerz, von der Einsamkeit und vom schrecklichen Grauen. Selbst er leugnet, dass Gott anwesend ist.“[2]  Die Mystikerin Juliana von Norwich beschreibt die Kreuzigung als kosmisches Ereignis: „ ‚alle Kreaturen, die leiden, leiden mit ihm … und das Firmament, die Erde, missraten in Trauer‘ und die Planeten, alle Elemente und sogar alle die Sterne verzweifelten an Christi Tod.“[3]

Am Kreuz nimmt Jesus teil am Leiden der Welt, fühlt sich mit uns ein. Er stirbt für uns, aber dabei ist er mit uns, mitten drin im Chaos, in unserem Schmerz, in unserer Einsamkeit, im Grauen.  Diana Butler Bass besinnt sich der Unterscheidung zwischen „für“ und „mit“:  „Für oder mit? Vertrag oder Beziehung? Gütertausch oder Teilnahme? Gegenleistung oder Freundschaft?“[4] Für Peter Woods bedeutet das Kreuz, dass wir nie alleine gelassen werden: „Es ist ein großer Trost für mich, dass selbst Jesus diesen Moment überwältigender Angst hatte.“[5]

Das Kreuz ist das Symbol der Solidarität, es zeigt, was „Gott mit uns“ – Emmanuel – wirklich heißt. Für Melissa Bane Sevier ist der Karfreitag sehr wichtig, weil er uns daran erinnern, dass auch andere nicht alleine gelassen werden:

Einmal im Jahr schauen wir in den Abgrund und erinnern uns an diejenigen, deren Leiden sich am Kreuz widerspiegelte: die Unterdrückten, die Sterbenden, die zu Unrecht Angeklagten, die Verlassenen, die Hoffnungslosen. Einmal im Jahr verlassen wir den Ort der Anbetung in dunkler, schwerfälliger Stille.[6]

Das Kreuz erinnert uns daran, dass Gott auf alle Leidenden schaut, bei allen Leidenden dabei ist. Wir beten es oft im Eucharistiegebet:

Gott, schau auf alle Menschen, die deiner und unserer Zuwendung besonders bedürfen: auf die Gequälten, Missachteten und Ausgebeuteten, auf alle, deren Krankheit niemand heilt. Gedenke der Einsamen, derer, die ohne Hoffnung sind, der Trauernden und aller, deren Herz nach Liebe schreit.

Heute werden wir daran erinnert, dass dieses Gebet schon längst erfüllt wurde. Karfreitag, Christus am Kreuz, Gott am Kreuz erinnert uns daran, dass auch in diesem Abgrund, in diesem Moment, in dem Christus selber ruft „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?“ Gott doch präsent ist.  Im Leiden, im Sterben, in der Angst, in der Einsamkeit. In Jesu Christi Leiden, Sterben, Angst, Einsamkeit, aber auch in unserem Leben, unserem Sterben, unserer Angst, unsere Einsamkeit. Wir können zuversichtlich sein, dass wir in diesen Momenten nicht verlassen werden. Denn – wie das Eucharistiegebet es ebenso ausdrückt, „Du bist kein Gott, der bei sich selbst bleibt. Du hast dich unserer Armut und Schwachheit angenommen.“

Die Menschwerdung Christi, sein Leben, sein Leiden und Sterben „durch Menschenhand“, das ist das Geschenk Gottes, wie wir beten: „das einzigartige Geschenk, deinen Sohn. Er ist der Weg, die Wahrheit und das Leben.“  Der Weg, die Wahrheit und das Leben, auch in diesem Moment, in dem er mit uns, für uns stirbt.

Ein Furcht erregendes und unbegreifliches Mysterium
vollzieht sich heute und wird sichtbar:
Heute wird ans Kreuz gehängt, der die Erde in die Wasser gehängt hat.
Ein Dornenkranz wird dem aufgelegt, der den Himmel mit Wolken umhüllt.
Ein unechtes Königsgewand wird dem angelegt, der den Himmel in Wolken umhüllt.
Der Unnahbare wird gefangen gehalten,
gefangen wird der, der Adam aus dem Fluch befreit hat.
Zu Unrecht wird der verhört, der Herz und Seele prüft.
Im Gefängnis wird gefangen gehalten, der die Abgründe verschlossen hat.
Vor Pilatus steht der, vor dem zitternd die Mächte des Himmels stehen.
Geschlagen wird der Schöpfer durch die Hand des Geschöpfs.
Zum Holzkreuz wird verurteilt der, der über Lebende und Tote urteilt.
Im Grabe wird eingeschlossen der, der den Hades abgesetzt hat.
Ein Furcht erregendes und unbegreifliches Mysterium
vollzieht sich heute und wird sichtbar.

 

[1] Adaptiert von: Gemeinsam Ostern feiern. Eine ökumenische Handreichung, herausgegeben im Auftrag der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen in Deutschland von Athansios Basdekis, Christina Kayales, Johann Georg Schütz und Klaus Peter Voß, Frankfurt am Main 2004, 22-23 (https://www.oekumene-ack.de/fileadmin/user_upload/Ostern/Karwoche_und_Ostern_in_der_orthodoxen_Kirche.docx).

[2]  Siehe: https://thelisteninghermit.com/2010/03/29/the-art-of-dying-well-with-jesus/.

[3]  Zit. nach Diana Butler Bass, „Good Friday: Being with Jesus at the cross,” (https://www.patheos.com/blogs/dianabutlerbass/2012/04/good-friday-being-with-jesus-at-the-cross/).

[4]  Ibid.

[5]  Siehe: https://thelisteninghermit.com/2010/03/29/the-art-of-dying-well-with-jesus/.

[6]  Siehe: https://melissabanesevier.wordpress.com/2011/04/20/dark-before-the-dawn/.

Gründonnerstag – 18. April 2019

Predigt in der Alt-Katholischen Gemeinde Essen

Exodus 12,1-8.11-14
1 Korintherbrief 11,23-26
Johannes 13,1-15

 

Immer wieder decken wir den Tisch
an dem man
die Lichter entzündet der Hoffnung
und das Buch aufschlägt
mit der Botschaft des Lebens

Immer wieder decken wir den Tisch
an dem man
das weiße Brot bricht und teilt
in gleiche Teile und isst
an dem man
den roten Wein trinkt
miteinander
und eins wird mit Ihm

Immer wieder decken wir den Tisch
an dem man
erinnert was damals geschah
und das Kommende einübt
schon heute und hier

Geheimnis des Glaubens
Gastmahl des Friedens
Der Herr ist bei uns[1]

Wir versammeln uns heute am Gründonnerstag, am Abend des letzten Abendmahls, dass Jesus mit seinen Jüngern, und vielleicht auch mit seinen Jüngerinnen – ich denke eigentlich schon – feiern konnte.  Ob sie schon vorher wussten, dass es das letzte Mal war?  Es wird ein Abschiedsmahl, ein Erinnerungsmahl, ob sie es schon wissen oder nicht. Ein Mahl, worauf die Jünger und Jüngerinnen, die Freunde und Freundinnen Jesus zurückschauen werden, sich erinnern werden: Damals war er bei uns.

Der französische Dichter Edmond Jabès schrieb im April 1989 über seine letzte Begegnung mit seinem Freund Paul Celan:

Jener Tag. Der letzte. Paul Celan bei mir. Er sitzt in        dem Stuhl, den ich gerade betrachte.

Wörter, mit Nähe, geteilt. … Aber heute höre ich doch nicht ihn, sondern die Stille. Ich sehe doch nicht ihn, sondern die Leere.[2]

Jabès muss mit der Tatsache hadern, dass er nicht wusste, dass er an diesem Tag Celan zum letzten Mal sehe, dass er deshalb nicht richtig bemerkt habe, was Celan sagte, wie er da saß. Es war halt ein normales Treffen unter Freunden.  Jabès wusste nicht, dass es das letzte Mal wurde, dass es eigentlich doch etwas ganz Besonderes war.  Nun stellt er sich die Frage: „Mit wem sprechen, wenn es den Anderen nicht mehr gibt?“[3]

Gründonnerstag stellt auch die Jünger und Jüngerinnen vor gerade diese Frage, „Mit wem sprechen, wenn es den Anderen nicht mehr gibt?“ Aber Gründonnerstag gibt auch eine Antwort darauf.     Denn es geht heute darum zu verstehen, wie die Jünger und Jüngerinnen Jesus, zu welchem Kreis auch wir gehören, die Anwesenheit Christi weiterhin spüren, auch wenn dies doch das letzte Abendmahl war. Er ist mit uns anwesend durch das Abendmahl, die Eucharistie, die wir Sonntag für Sonntag miteinander feiern.  Und er ist mit uns anwesend in der Nächstenliebe, die wir einander zeigen.

Die Synoptiker – Matthäus, Markus, Lukas – zeigen uns das letzte Abendmahl als Stiftung der Eucharistie, durch die Christus im Brot und Wein bei uns ist, durch die wir eins werden mit Christus und er mit uns.  Dadurch, schreibt Alfons Bungert, schenkt Jesus, schenkt Gott, uns eine „ganz und gar zuverlässige Gemeinschaft.“ Die Eucharistie kennzeichnet diese Gemeinschaft:

Ein besonders wichtiges Zeichen dieser Gemeinschaft und eine Kraft, die sie am Leben hält und vertieft, ist die Speise, die Jesus uns gibt. Er selbst gibt sich uns als Speise, macht sich für uns zum Brot, geht in uns ein… . Und sein Blut, das er am Kreuz hingibt, ist der Trank, durch den sich Jesus mit uns vereinigt, so dass er in uns lebt – und wir in ihm. In ihm sind wir geborgen, … Denn aus Liebe zu uns Menschen gibt er sich zur Speise und ermöglicht es, Gemeinschaft mit ihm und durch ihn mit dem Vater zu haben und durch die Teilnahme am Leben Gottes für immer ein ganz erfülltes Leben zu finden.[4]

Bei Johannes kommt ein anderer Aspekt der Anwesenheit Jesus vor: die Fußwaschung, der Dienst Jesu an seinen Jüngern, der seine Liebe für die Welt ausdrückt. Seinen liebenden Dienst an die Nächsten bietet er seinen Freunden, seinen Jüngern an. Und sie wissen nicht so ganz, was sie damit anfangen sollen.

In einer Meditation über diese Stelle denkt Reinhard Röhrner darüber nach:

Es ist nicht leicht,
keineswegs eine leichte Sache,
die Liebe zuzulassen.
Weder für die Jünger noch für uns,
angesprochener seiner Liebe sein
und nichts antworten können,
nicht wissen, was zu erwidern ist….[5]

Bei der Fußwaschung
sind wir nicht nur Zuschauer,
sondern dürfen … Christus unsere Füße hinhalten,
den Staub unserer Straßen und Wege,
die Mühe unseres Alltags.
Er will auch uns rein machen.[6]

So sind wir heute eingeladen, wie auch Hubertus Brantzen weiß:

Ich bin eingeladen, alle Freude und alle Belastungen bei der Gabenbereitung … mit zum Altar zu bringen und sie als Gabe Gott anzubeten.
Ich bin eingeladen, mich selbst und mein Leben Gott hinzuhalten und um Wandlung zu bitten.
Ich bin eingeladen, durch das eucharistische Mahl mich noch mehr mit Jesus Christus und den Menschen verbinden zu lassen.
Ich bin eingeladen, mich neu zu meinem Dienst an der Welt und an den Menschen aussenden zu lassen.[7]

Alle werde eingeladen, an Jesus teilzuhaben, von ihm wertgeschätzt zu sein:

Jesus Christus, du Demütiger, du Leidender.
Freund des Lebens.
Du bewirtest
die Schuldigen, die Gedankenlosen,
die Verletzten, die Zweifelnden,
die Sehnsüchtigen, die Glücklichen,
die Liebenden.[8]

Jesus, du bewirtest auch uns.  Amen.

 

[1] Te Deum April 201, 206-207.

[2]  Vgl. http://blacksunlit.com/2015/05/saying-celan-in-silence-by-frank-garrett/.

[3]  Ibid.

[4]  Pfr. Alfons Bungert, Die Anregung (1989), S. 80-81; zit. nach https://www.steyler.eu/svd/seelsorge/anregung/artikel/2012/fastenzeit/gruendonnerstag-wache.php.

[5]   Reinhard Röhrner, Meditation zu Gründonnerstag (http://spiritualitaet.de/meditation-zum-gruendonnerstag/).

[6]   Reinhard Röhrner, Mystagogie zur Fußwaschung (http://spiritualitaet.de/mystagogie-zur-fusswaschung/).

[7]   Hubertus Brantzen, Gottes Spuren unter uns (Herder 2005), 127-128, zit. nach http://www.franziskanerinnen-amstetten.at/homepage/index.php/spiritualitaet/meditationen/267-meditation-zum-gruendonnerstag.

[8]   VELKD, Gebet für Gründonnerstag 2014 (https://www.velkd.de/gottesdienst/wochengebet.php?litDay=27).

4. Fastensonntag – 31. März 2019

Predigt in der Alt-Katholischen Gemeinde Bottrop

Josua 5, 9a. 10-12
2 Kor. 5. 17-21
Lukas 15. 1-3, 11-32

„Wenn also jemand in Christus ist, dann ist er (ist sie) eine neue Schöpfung: Das Alte ist vergangen, siehe, Neues ist geworden.“

Stimmt das wirklich?  Seid ihr, bin ich eine neue Schöpfung?  Ist das Alte vergangen?  Sind wir neu geworden?  Diese Wörter aus dem 2. Korintherbrief (5,17) stellen uns vor viele Fragen.  Diese Fragen fordern uns heraus, sie sind aber keine Prüfung, keine Klausur.  Sie wollen uns nicht denken lassen, wir haben ein von Gott gestellte Prüfung nicht bestanden. Ganz im Gegenteil, sie sind eine Verheißung, sie sichern uns zu, dass wir zu dieser neuen Schöpfung gehören, ob wir es erkennen oder nicht.

Rowan Williams, ehemalige Erzbischof von Canterbury, hat vor ein paar Jahren ein kleines Buch geschrieben: Being Disciples – etwa „Jesus nachfolgen“.  Er überlegt, was es heißt, in der Gegenwart eines Heiligen zu sein, und stellt fest:

Heilige Menschen – Menschen, die wirklich fromm sind und nicht überfromm – verleihen dir tatsächlich das Gefühl, besser zu sein, als du bist. Die Suche nach dem Guten ist nicht mit der Teilnahme an einer Wettbewerbs­prüfung zu vergleichen, bei der manche Leute sehr gut punkten, andere grenzwertig sind und noch andere dabei sind, durchzufallen.  Nein. Irgendwie erweitert ein heiliger Mensch deine Welt, hilft dir dich selbst besser zu erkennen, schließt dich auf, erschließt dich, bestätigt dich.  Heilige Menschen stehen mit dir nicht im Wettbewerb, sie sagen nicht „Ich habe etwas, was du nicht hast.“ Sie zeigen uns … dass es für [unsere] verwirrte und beeinträchtigte Menschheit Hoffnung gibt. Gott ist so groß, dass er mit echten unvollkommenen, beeinträchtigten Menschen umgehen kann.[1]

Für Williams sind also heilige Menschen diejenige, die das das Beste aus einem herauskitzeln.

Dadurch wird aus einem einfach eine neue Schöpfung. Das liegt daran, denkt Williams, dass solche Menschen teilhaben an der Freude, die Gott an ihnen hat. Er schreibt über den südafrikanischen Erzbischof und Theologen Desmond Tutu (ein Eindruck, den ich auch bestätigen kann):

Desmond Tutu freut sich einfach, Desmond Tutu zu sein. … Aber das wirkt nicht auf mich so, dass ich erstarre oder mich verringert, zurückgestellt fühle. Vielmehr wird mir das Gefühl vermittelt, dass eines Tages durch die grenzenlose Liebe Gottes ich mich so darüber erfreuen könnte, Rowan Williams zu sein, wie sich Desmond Tutu darüber freut, Desmond Tutu zu sein.[2]

Ähnlich ist es bei einer Begegnung mit Christus.  Durch die Menschwerdung Gottes in Christus kommt eine göttliche Kraft in die Welt, „die Möglichkeiten erschließt, die die Dinge verändert;“[3] eine Kraft, die die Welt nicht kleiner, sondern größer, weiträumiger macht. Eine Begegnung mit Christus, Deshalb, schreibt Williams, „ändert die umliegende Landschaft, wirft auf alles ein neues Licht. Danach sieht man alles anders – muss alles anders sehen.  … Es gibt eine neue Schöpfung – nichts wirkt, wie es vorher war.“[4]

Ich glaube, dass Paulus gerade diese Erkenntnis, diese Erfahrung, dass alles anders aussieht, alles neu geworden ist, meint, wenn er das Leben in Christus als neue Schöpfung beschreibt, wenn er bekennt: „Gott war es, der in Christus die Welt mit sich versöhnt hat“ (2. Kor. 5,19). Die Verfehlungen – unsere Verfehlungen, die Verfehlungen von anderen – werden von Gott nicht angerechnet. Gott sieht, dass wir besser sind, als wir oft denken; Gott geht mit uns um, als die Menschen, die er in uns sieht. Und dabei werden wir auch anders, werden wir eben dieser Menschen, den Gott in uns sieht. „So spricht Gott sein ja, so stirbt unser Nein“ haben wir gerade gesungen, und gerade darum geht es: „Lachen, sich öffnen, tanzen, befreien.“ Darüber wollen, darum sollen wir uns freuen, und diese Freude sollen wir miteinander, mit anderen teilen.

Die neue Schöpfung wirkt nach innen – wir sehen uns selbst anders – aber sie wirkt auch nach außen – wir sehen die Welt, wir sehen die Menschen um uns anders.  Thomas von Aquin schreibt über die Liebe, dass sie eint und verdichtet (amor est vis unitiva et concretive), sie ist eine Kraft, die zum Zentrum hinführt, eine zentripetale Kraft.  Gleichzeitig ist die Liebe aber eine nach außen ziehende Kraft (amor facit extasim), eine zentrifugale Kraft, eine Kraft, die unsere Aufmerksamkeit vom Zentrum zur Peripherie umschichtet.[5] Das heißt: Die Liebe Gottes bestätigt uns, bejaht uns, bekräftigt uns, nicht um uns selbst willen, sondern darum, dass wir selber die Liebe Gottes ausstrahlen. Damit werden wir, wie Paulus schreibt, „Gesandte an Christi statt. … Gott ist es, der durch uns mahnt“ (2. Kor. 5,20). Durch uns sehen auch andere Menschen – sollen auch andere Menschen sehen –, „den Gott, der uns nicht loslässt, den Christus, der nicht davonläuft.“[6] Nach Williams ist gerade dies unsere Aufgabe:

Durch unsere Treue den Verlorenen, den Leidenden und den Ausgegrenzten gegenüber, beginnen wir zu zeigen, was es bedeutet, an den Einen zu glauben, der nicht loslässt.[7]

Denn es geht beim Glauben nicht um „ein kluges System, sondern um die Möglichkeit tragenden Beziehungen.“[8] Teresa von Avila drückt dieser Gedanke in ein Gedicht aus:

Christus hat niemanden auf Erden außer euch, keine Hände außer euren, keine Füße außer euren, Deine Augen sind es, durch die man auf Christi Erbarmen gegenüber dieser Welt blickt; Deine Füße sind es, mit denen Christus herumgeht, um Gutes zu tun; Deine Hände sind es, mit denen er die Menschen jetzt segnet.[9]

Es handelt sich aber dabei nicht um einen wilden Aktivismus, sondern darum, dass wir für andere da sind, damit andere auch diese „Möglichkeit tragenden Beziehungen“ erleben. Damit sind wir wieder bei den Heiligen, die in Christus eine neue Schöpfung sind, die die Zuverlässigkeit Gottes für uns darstellen. Für Henri Nouwen ist der wahre Freund

nicht jemand, der alle deine Probleme lösen oder jede Frage antworten kann. Nein, der wahre Freund ist jemand, der nicht abhaut, wenn es keine Lösungen oder Antworten gibt, sondern bei dir bleibt und dir treu ist, … der dir sagt, ‚Egal was passiert, bin ich dein Freund, du kannst dich auf mich verlassen.‘[10]

Durch die Menschwerdung Christi, durch Christi Tod und Auferstehung, hat Gott „Mitgefühl als der Weg zur Freiheit“ eingeschlagen.[11] Wir sind aus neue Geschöpfe in Christi berufen, auch mit anderen so umzugehen, dass sie vermittelt bekommen, dass auch sie neue Schöpfungen des Geistes sind, dass sie geliebt, vergeben werden.

Damit kommen wir da an, wo wir heute mit der Geschichte des verlorenen Sohns eigentlich hätten anfangen können. Es geht in diese Geschichte darum, dass der Vater nicht nur den einen Sohn, sondern beide Söhne bedingungslos liebt. Er geht auf beide zu, will beide gutes tun. So macht Gott es mit uns auch. So ist die Liebe Gottes, schreibt Oliver McTernan: „Was auch immer unser menschlicher Zustand sein mag, sei es durch Ignoranz oder Arroganz hervorgerufen, bleiben wir liebenswert in den Augen Gottes, der immer bereit ist, uns vorbehaltslos willkommen zu heißen, in seine Armen zu schließen.“[12]

Damit ist für mich der eigentliche Kern der christlichen Gnadenlehre beschrieben. Wir werden von Gott bedingungslos, vorbehaltlos akzeptiert und geliebt. Als Antwort darauf kommt dann die Umkehr, das Bestreben, so zu werden, wir Gott uns auch sieht. Das Gleichnis vom verlorenen Sohn inspiriert ein Gebet aus der Liturgie der Church of England, eine Danksagung auf die Eucharistie, die diese Zuwendung Gottes betont, die Fähigkeit und Bereitschaft Gottes auf uns zuzukommen, damit wir wiederum auf andere zugehen:

Liebender Gott,
wir danken dir und preisen dich:
Als wir von dir weit entfernt waren,
kamst du uns in deinem Sohn entgegen
und brachtest uns heim zu dir.
Im Leben und im Sterben
verkündete er deine Liebe,
schenkte uns Gnade,
öffnete das Tor Deines Glanzes.
Mögen wir, die den Leib Christi teilen,
seine Auferstehung leben;
Mögen wir, die deinen Kelch trinken,
sein Leben anderen schenken;
Mögen wir, die vom Geist erleuchtet werden,
sein Licht in die Welt bringen.
Halte uns fest in deiner Verheißung,
dass wir und alle deine Kinder befreit werden,
und die ganze Welt deinen Namen ehre und preise!
Durch Jesus Christus deinen Sohn, unseren Bruder.[13]

Als wir von dir weit entfernt waren, kamst du uns in deinem Sohn entgegen und brachtest uns heim zu dir.

Wir sind doch eine neue Schöpfung.

Amen

 

[1]   Rowan Williams, Being Disciples: Essentials of the Christian Life (SPCK 2016), S. 50.

[2]   Ebd., S. 51.

[3]   Ebd., S. 50.

[4]   Ebd., S. 52.

[5]   Leo J. O’Donovan, “Ambassador of Christ: In Memory of Walter J. Burghardt, S.J. (1914–2008),” Theological Studies 69 (2008), S. 493-508; hier S. 495.

[6]   Williams, Being Disciples, S. 25.

[7]   Ebd., S. 25-26.

[8]   Ebd., S. 25.

[9]   Siehe https://www.thecathwalk.de/2016/10/19/interview-mit-einer-heiligen-teresa-von-avila-in-ihren-eigenen-worten/.

[10]   Henri Nouwen, Letters to Marc about Jesus (Darton Longman and Todd 1988), S. 28-29.

[11]   Ebd. S. 26.

[12] Oliver McTernan, „Unconditional Love“, in Hannah Ward and Jennifer  Wild (eds), Resources for Preaching and Worship, Year C (Westminster John Knox Press 2003), S. 110.

[13]  Englischer Text: “Father of all, we give you thanks and praise, that when we were still far off you met us in your Son and brought us home. Dying and living, he declared your love, gave us grace, and opened the gate of glory. May we who share Christ’s body live his risen life; we who drink his cup bring life to others; we whom the Spirit lights give light to the world. Keep us firm in the hope you have set before us, so we and all your children shall be free, and the whole earth live to praise your name; through Christ our Lord.” (vgl. https://www.churchofengland.org/prayer-and-worship/worship-texts-and-resources/common-worship/holy-communion#mm7c2).

Lent 1 – 10 March 2019

sermon preached at St Margaret Newlands

Deuteronomy 26:1-11
Romans 10:5-15
Luke 4:1-13

So here we are again at the beginning of Lent.  This period of forty days of reflection, of prayer, which mirror Jesus’s forty days in the desert.  Or do they?  For many of us life will no doubt go on much the same, with work, or school, or whatever forms our daily round.  Perhaps it might be a bit different because you may have a Lenten discipline to mark out this time. But do we use this as a time to encounter God more closely?  To reflect on our lives with God?  That was surely the key for Jesus.  Our gospel reminds us of how after his baptism Jesus took time to be on his own, to pray and meditate in the wilderness.  And it also reminds us of how challenging that proved to be.  Even for Jesus, spending forty days alone meant a time confronted by demons, or in this case the devil.

Stopping to reflect can itself be a challenge. I wonder often whether busy-ness does not keep us – or keep me at least – away from those uncomfortable voices that ask questions about our deepest needs.  The Jesuit John Kavanaugh reflects on this too:

We avoid the desert, the loneliness, the loss of familiar support, the grand stillness. If we go into the wilderness, we will be reminded of the great hunger. We will be dwarfed by the earth’s mighty movements.
Enter distraction. If we keep ourselves ceaselessly preoccupied, we might be spared the pain and the pained. We need not pay attention to the terrible precariousness of our condition. We need not embark on the quest for an answer to our absolute lack. Perhaps if we entertain ourselves to death, we may be able to divert our way through life.[1]

Part of what Lent is about is engaging with “the terrible precariousness of our condition … our absolute lack.” One of the challenges to us in our relatively affluent context may be to admit our own lacks, to recognise our own neediness. Of course, sometimes we are confronted with that neediness all too abruptly, when we or someone we love becomes ill, when a relationship collapses, in those times when the world seems a dark place.  Those are the moments when desperation may drive us to grace, or when desperation may even in itself be a kind of grace. But sometimes we don’t really feel our neediness much at all.  Lent can offer a time to consider our needs before we are driven to it.

In approaching Lent, we recognise that for most of us, fears around existence are probably not what drive us. We may well have other fears; we will certainly have other needs. In the wilderness Jesus is hungry, and food is the first temptation the devil puts before him: “If you are the Son of God, command this stone to become a loaf of bread.” Jesus answers, “It is written, ‘One does not live by bread alone’.”  We will all realise that Jesus’s response “one does not live by bread alone” is true, although we can also see that it would not be a great thing to say to a starving person, or even to someone very hungry, especially, if they (like me) get very irritable when their blood sugar level starts dropping. And that is because without food, we cannot function; we will die.

When we think about what we need, bread, or at least food, is fundamental. Back in the 1940s, the American psychologist Abraham Maslov proposed what he called a hierarchy of needs, which he wanted to use to think about how healthy people function. Maslov identified five levels of need.[2]  The most fundamental needs are basic biological needs: food, drink, air, shelter, clothing, warmth, sleep.  Without them, our bodies cannot function properly, or at all.  Another pretty basic need is the need to feel safe: “protection from elements, security, order, law, stability, freedom from fear.”  Then come needs around feeling loved and belonging: the need to exist in a social context and social networks, to experience friendship, intimacy, trust, and acceptance, to receive and give affection and love, to be part of a group whether family, friends, or work.  We have needs around esteem, in terms of dignity, achievement, competence, independence, and around respect from others.  Finally, we have needs related to realizing personal potential, self-fulfilment, seeking personal growth and self-actualisation: the desire “to become everything one is capable of becoming”. As believers we might associate that with a call from God to become what God calls us to be.  The fulfilment of all these different types of need, suggested Maslov, contributes to our sense of well-bring and to our sense that we are living the life we are called to live.  They are a hierarchy in the sense that esteem, for instance, is not likely to be experienced as the primary need by a person who is homeless or hungry.

Maslov’s hierarchy of needs helps us to understand Jesus’ response to the devil’s temptation, “One does not live by bread alone.”  It articulates the realisation that, as the American author Richard Wright put it in his novel Native Son, “One can starve from a lack of self-realization as much as from a lack of bread.”  For Richard Wright, as he reflects in his novels and in his autobiography Black Boy, which describes his long periods of physical hunger as a child, any type of hunger represents a deep desire for, or a profound lack of, something important.  All this should help us to understand that Lent is a time in which we may come to understand better what it is we lack, particularly in our relationship with God, in growing into the people God wants us to be.

Moreover, Maslov’s hierarchy of needs can also help us to see that part of the process of understanding what we lack, what we need, is identifying, recognising and giving thanks for what we have.  Deuteronomy points to the joy of sharing first fruits, the joy of giving thanks, the joy of being able to “celebrate with all the bounty that the Lord your God has given to you and to your house.”  What do we have to give thanks for?  Maslov offers some possible answers: for many of us they would include not being physically hungry or thirsty today, having a home, living in what is (despite everything) a remarkably secure and peaceful state, our friends and family, however difficult those relationships may sometimes be.  We can recognise that our hungers may well mostly be un-physical ones, and in identifying the needs we do have, can also give thanks for those which are already fulfilled.

Our society does not often encourage us to do this. Some years ago, I took part in a fascinating and challenging week of training on conflict resolution run by the Mennonite Centre in London. Early in the course we participants were asked to stand in a line.  Then the course leader said: take one step forward if you are female, and two if you are male.  Two steps forward if you are aged between twenty-five and forty-five, one if you are over forty-five and under sixty, one step back if you are under twenty-five or over sixty-five.  Two steps forward if you are white, or if you have a degree, or if you earn more than a certain amount… One step back if you are black, or left school with no qualifications, or are unemployed… As the questions went on, the group that had started on one line became spread out, depending on these differences. We were then asked to reflect with in small groups of people who had ended up close together. What was fascinating for me was the subsequent discussion, when the group that had ended up furthest forward amongst our course participants focused in their reflection on how they really weren’t at the front at all; they were really behind all these other absent people, people who were not on the course.  That was no doubt true; but they had come out at the front of all the others who were on the course, and somehow they could not quite see that, or at least not quite accept it.

This exercise left me pondering how easy it is to see what we don’t have but others do have, and not to see what we do have that others don’t.  Lent may be a time for taking honest stock, for giving up but also for giving thanks.  What might help us to see what we have?  One way might be to undertake the Lent challenge:  Each day of Lent, remove one item from your cupboards that you no longer wear or need and put it into a bag.  At the end of Lent, on Holy Saturday, donate these items to the charity of your choice.  That might be a fine way of reflecting on what we have.

One of the reasons for being thankful for what we have as well as identifying what we need is that it can help us to resist the temptation to take short cuts to attaining our needs.  Oscar Wilde famously said, “I can resist anything except temptation.”  One of the points of the story of Jesus in the wilderness is that he does resist temptation.And for many of us the discipline of Lent is about just that: six weeks of not falling into temptations.

But what are these temptations?  They are not really about wine, or chocolate, or whatever our pspersonal fasting discipline is, although they can certainly stand for something deeper.  Fergus Kerr points out that in the account of Jesus in the wilderness, the temptations Jesus faces also stand for something deeper, something rooted in the history of the people of Israel:

The temptations of Israel’s wilderness years lurk in the background. The forty years become forty days.  The lamentations, infidelities and idolatrousness of the people as they journey through the wilderness to the Promised Land are symbolically recapitulated and this time of course totally resisted. In their hunger the people had to learn that one does not live by bread alone (Deut 8:3); painfully they had to be taught not to run after other gods (Deut 6:13); and finally they had to learn not to put God to the test (Deut 6:16).[3]

Jesus models a way of resisting all these ways of focusing on self, putting ourselves above God.

That reminds us that although using Maslov’s hierarchy of needs to think about our own needs is helpful, we need to be sure that we do not individualise – and thus trivialise – these temptations.  Darrell Jodock suggests that to understand what temptation truly is, we must grasp that we are never whole and complete in ourselves, but constituted in our relationships to others. For Jodock, temptation seeks to “distort our selfhood”; we need to recognise that “every deformed relationship warps the self, every broken relationship diminishes it.”[4] We can see this articulated in the gospel too.  Paul J. Achtemeier sees the real temptation in the devil’s encouragement to Jesus to focus on himself, to the exclusion of others.  Reflecting that Jesus will later feed the five thousand, Achtemeier affirms: “The question is not if Jesus will use his power to feed the hungry masses. It is: will Jesus use his sonship to satisfy himself?”[5]  This is why self-actualisation can never the final aim for the believer.  We are called by God into community, as a community. The church is the community of all those who are called by God to bring the good news of the gospel to God’s world.  A friend commented to me when we were discussing this sermon that Lent is about shifting from using other people and loving things to loving other people and using things.  That seems to me exactly right. Are we in danger of using our discipleship to satisfy ourselves?  Do we see, and feed, the hungry around us?

This brings us back to confession and the modelling of faith which lie at the heart of what Lent is about.  Jesus’s foundation in withstanding the temptations with which he is confronted was surely what Paul describes in writing to the Romans, also citing Deuteronomy: “The word is near you, on your lips and in your heart.”  This is reliance on God.  Some years ago, Paula Gooder published a group study guide, A Way Through the Wilderness: Experiencing God’s help in times of Crisis.  She described this programme as a “God-help” guide rather than a “self-help” guide, a guide intended to open participants up to “the assurance of God’s love and care as we make our way through life ad negotiate the good and the bad times.”[6] This offers us a profoundly helpful way to see the gift of Lent: a time which provides us with a God-help guide, reminding us to be thankful for what we have, and opening us up to realise what we truly need.

Amen

[1]  See http://liturgy.slu.edu/1LentC031019/theword_kavanaugh.html.

[2]  See https://www.simplypsychology.org/maslow.html.

[3]   Fergus Kerr, “21st February: 1st in Lent: Luke 4:1-13,” The Expository Times 121 (2010), 191-192, at 191.

[4]   Darrell Jodock, “Antidote for temptation,” The Christian Century 112 (1995), 203.

[5]  Paul J. Achtemeier, “Enigmatic Bible Passages: It’s the Little Things That Count (Mark 14:17-21; Luke 4:1-13; Matthew 18:10-14),” The Biblical Archaeologist 46 (1983), 30-31, at 31.

[6]  Paula Gooder, A Way Through the Wilderness: Experiencing God’s help in times of Crisis (Church House Publishing 2009), 1.